| Die Waldkinder |
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| Geschrieben von: Grünewald Margit |
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Die Waldkinder „Und die Kinder sind die ganze Zeit über draußen im Wald? Es gibt keinen beheizbaren Raum?“ Manche Leute schütteln fast ungläubig den Kopf, wenn diese Fragen mit ja beantwortet werden. Seit 1997 verbringen Kleinkinder ihre Kindergartenzeit als Wurzelzwerge im Plattenhardter Wald. Zurzeit werden 35 Kinder ab zwei Jahren in zwei Gruppen von fünf Erzieherinnen und einem Erzieher betreut. Anstatt Zentralheizung gibt es eine Feuerstelle in den beiden Tipis, das Wasser zum Händewaschen kommt aus dem von Eltern morgens gefüllten Wasserkanistern. Die Kinder machen ihre ersten wichtigen Lebenserfahrungen nicht in geschlossenen Räumen, sondern im Wald. Jeden Tag entscheiden sie sich gemeinsam für einen von einem Dutzend lieb gewordenen Plätzen im Wald, die alle ihre eigenen Besonderheiten haben. Da gibt es beispielsweise die Schlucht, den Wind-, Frosch- oder Geheimwegplatz. Der Wald – was für ein Riesenspielplatz mit uneingeschränkter Bewegungsfreiheit an der frischen Luft! Da können die Kinder für sich sein und Stille genießen oder auch befreit lärmen. Sie erleben täglich ein Fest für die Sinne: Was gibt es da im sich ständig verändernden Wald doch alles zu sehen, zu hören, zu tasten, zu riechen und zu schmecken. Die Füße rascheln durch bunte Herbstblätter, die Kinder beobachten Tiere und hören Vogelgezwitscher. Es gibt Jahresringe am Baumstumpf zu zählen. Mit den Händen bohren und graben sie in der matschigen Erde und formen Lehmfiguren, bearbeiten Holz mit Laubsäge und Handbohrer. Sie experimentieren und basteln mit Naturmaterialien, sammeln Kastanien, Eicheln und Bucheckern oder gärtnern im Gewächshäuschen. Aus den vom Busch gepflückten Beeren machen sie Marmelade und Stockbrot über dem Feuer grillen gehört einfach dazu. Im Winter geht es Schlittenfahren. Und wo, wenn nicht im Wald, kann man besser Verstecken spielen? Die Kinder sind lebendig, haben geschickte Füße, sie können gut klettern, auf Baumstämmen balancieren oder über Bäche springen. Spielerisch trainieren sie so Grob- und Feinmotorik. Die Wurzelzwerge entwickeln eine gut ausgeprägte Fantasie: Umgestürzte Bäume werden zu Wikingerbooten oder Fliegern, im Wald gefundene Äste und Zweige dienen als Werkzeug und Wurzeln und Blätter als Baumaterial. Der Wald mit seiner ganz eigenen Atmosphäre ist die perfekte Märchenszenerie für Rollenspiele aller Art – die Kinder werden zu Rittern, Indianern, Prinzessinnen oder Tieren. Kann man sich für eine unbeschwerte Kindheit Schöneres vorstellen? Trotzdem entgehen ihnen auch nicht andere wichtige Kindergartenerfahrungen: Es werden Lieder zur Gitarre gesungen, Bücher vorgelesen, Feste gefeiert und Puppentheater gespielt. Materialien zum Malen, Bücher zum Vorlesen und Spiele gibt es in den beiden am Platz stehenden Bauwägen und werden auch im Kreativmobil und Bollerwagen mit in den Wald genommen. Zum Gepäck gehören auch Handy, Waschwasser, Wechselkleidung, Erste-Hilfe-Koffer sowie Werkzeuge. Es gibt auch Regeln im Wald, die oft im Morgenkreis durchgesprochen werden. Rücksicht ist nicht nur auf die Spielkameraden zu nehmen, sondern auch auf Pflanzen und Tiere. Die Kleinen werden jeden Tag von Lukas, dem lieben und ausgeglichenen Hund einer Erzieherin begleitet. In Herbst und Winter, wenn es mal nass oder kalt ist, freuen sich die Kinder auf ein gemütliches Feuer im Tipi, einen heißen Tee und zum Vorlesen einen Platz auf den Schaffellen. Gut abgehärtet wie sie sind, bleibt ihnen so manche Rotznase erspart. Einen Tag in der Woche verbringen die Wurzelzwerge auf der Echterdinger Jugendfarm, wo es Pferde, Schafe, Hasen, Gänse, Enten und Hühner gibt und eine gut ausgestattete Werkstatt. Alle zwei Wochen donnerstags gehört unseren Großen das Plattenhardter Hallenbad. Außerdem gibt es immer wieder Ausflüge in die Natur oder in Museen und Ausstellungen in der näheren Umgebung. Zur Vorbereitung auf die Schule trifft sich die Maxigruppe auf der Jugendfarm, wo ein Erzieher ganz gezielt eine dem Alter entsprechende Aktion anbietet. Der im Wald gelebte Forscherdrang kommt den Kindern im Schulalltag zugute, auch für das Zusammenleben haben sie dort eine Menge gelernt. Der Kontakt zu den Wurzelzwergen bleibt bestehen, in den Ferien dürfen die Schulkinder zu Besuch in den Wald kommen. Das Staunen über die Wunder der Natur und der respektvolle Umgang mit ihr bleiben den Kindern hoffentlich das ganze Leben lang erhalten. |